Dienstag, 16. Februar 2010

Narrenbrunnen Bräunlingen

Im Sommer 2004 hat sich die Narrenzunft "Eintracht" Bräunlingen einen seit vielen Jahren vorhandenen Wunsch erfüllt. Mit freundlicher Unterstützung durch die Stadtverwaltung und durch die Bräunlinger Geschäftswelt sowie Förderer der Narrenzunft konnte der Narrenbrunnen geschaffen und mit viel ehrenamtlichen Engagement die Hoffläche um das Zunfthaus gestaltet werden. Der am Zunfthaus an exponierter Stelle im Stadtbild aufgestellte Brunnen ist eine Hommage an die Narrenzunft und an die verschiedenen Figuren und Gruppen der traditionellen Bräunlinger Fasnacht. Das Narrenschiff schuf der Bildhauer Bernhard Wintermantel aus Hüfingen. Das Vorbild für die Art der Darstellung der einheimischen Fasnacht ist der mittelalterliche Bestseller des Basler Juristen, Stadtschreiber und Satirikers Sebastian Brant aus dem Jahre 1494. Das Narrenschiff bot die Möglichkeiten, die vielen Facetten der Brülinger Fasnet aufzunehmen. Keine der traditionellen Figuren sollte hervorgehoben werden.
Motivischer Grundgedanken ist eine ausgedachte Geschichte, die erzählt, wie die Brülinger Narren zu ihrem Zunfthaus gekommen sind. (Näheres sh. nachstehend). Das Schiff ist natürlich nicht seetauglich, denn es symbolisiert neben dem mittelalterlichen Narrenschiff auch die Umzugswagen der Schauspielfasnet. Im Zeichen der verkehrten Welt liegt das Schiff nicht im Wasser, sondern Wasser fließt aus dem zum Narrenbrunnen gewordenen Schiff.
Das Narrenschiff verkörpert das Gemeinschaftliche der Bräunlinger Narren und den Archetyp des Umzugswagen. Die im Rumpf liegenden Utensilien bieten reichlich Anlass, das Spektrum der örtlichen Fasnet im räumlichen und inhaltlichen Zusammenhang mit dem Zunfthaus, der Heimat der Narren, im Brunnenmotiv einzubringen. Die konkret-kollagenhafte Darstellung wird auf adäquate Weise in die großen Narren- und Narrenbrunnentradition gestellt.
Die feierliche Enthüllung des Narrenbrunnes fand am 26. Juni 2004 statt und wurde von Zunftmeister Fritz Kalb, Bürgermeister Jürgen Guse und dem Präsidenten der VSAN Roland Wehrle vor zahlreichen Gästen vorgenommen.


Wie die Bräunlinger Narrenzunft zu einem Narrenschiff kommt!

Der Bräunlinger Narrenbrunnen erzählt die Geschichte vom Ursprungsmythos der Bräunlinger Narren, er erzählt, wie die Narren nach Bräunlingen in ihr Domizil in der Blaumeerstraße gekommen sind. Diese Geschichte lautet folgendermaßen:
Die Narren, die später die Bräunlinger Narren werden sollten, sitzen wie es die Narren so tun, in ihrem Narrenschiff und treiben auf dem Meer des Lebens. Das Schiff haben sie selber gebaut, so gut sie es als Narren können. Sie haben es mit den Materialien gebaut, mit denen sie sich normalerweise abgeben - leider lauter Dinge, die im täglichen Leben zwar Erfolg bringen, ihren Mann nähren, die jedoch nur sehr bedingt zum Schiffsbau taugen. Steuerruder, Segelmast, Anker - alles Dinge die man zum Navigieren eines Schiffes in den rettenden Hafen brauchen würde haben sie sowieso vergessen. Die Narren treiben also auf dem Meer des Lebens und lassen es sich gut gehen. Die See wird aber rauher, sie werden umgeworfen - der Sturm muss streng aus Osten geblasen haben, sie werden wohl an Hüfingen vorbeigetrieben worden sein, den Brändbach entlang der Buchhalde - sie werden in die Mündung des Blaumeers gedrückt. Es muss sehr unruhig gewesen sein, denn plötzlich haben die Narren die Gefahr doch noch gesehen, haben noch - vergeblich versucht, einen notdürftigen Rettungs-Anker zu werfen... schon sind sie aber in nächster Nähe einer bedrohlichen Klippe, und - wie es die Bestimmung des Narrenschiffs ist - sie werden auf diesen Felsen geworfen, scheinen dem sicheren Untergang geweiht zu sein!
Aber nein... Es müssten nicht die zukünftigen Bräunlinger Narren sein - sie erkennen das Rettende in der Gefahr - wissen einen Ausweg. Kurzentschlossen entledigen sie sich all ihres Balastes an Narrenwerkzeugen und Attributen und klettern behend über Schiff und Klippe in das dahinterliegende Gebäude - in dem sie sich bald wohl fühlen - und - seit dieser Zeit sitzen. Das liegengebliebene Schiff aber, in das - im Zeichen der verkehrten Welt nicht das Wasser hinein, sondern aus dem heraus das Wasser in das Blaumeer fließt, gibt seither Zeugnis, wer hoch darüber residiert, wer zu den Bräunlinger Narren gehört und wer die Narretei in Bräunlingen ausübt.
Das Narrenschiffmotiv des Brunnens überträgt den Narrenschiffgedanken des oberrheinischen Humanisten Sebastian Brant aus dem 15. Jahrhundert nach Bräunlingen und führt in weiter bis an das bittere Ende des Schiffbruchs an der Klippe des Zunfthauses. Es stellt die traditionsreiche Bräunlinger Fasnacht bildlich in den Kontex des großen Narrengedankens, in dem sie die Wurzeln hat. Das Schiff, das gleichzeitig auch Fahrzeug und Tier ist, fragt nach dem Wesen des Narren, danach was einen Narren ausmacht.
Er verweist auf das Domizil der Narren und auf die herausragende Besonderheit der Bräunlinger Schauspiel- und Straßenfasnet. Als Symbol für die Gemeinschaft der Narrenzunft "Eintracht" Bräunlingen zeigt das Schiff mit den zurückgelassenen Utensilien gleichzeitig die Vielfalt der Zunft auf. Die Verwendung der für einen Schiffsbau untauglichen Materialien, mit denen die Narren aber erfolgreich das Jahr über arbeiteten, verweist auf die Uneindeutigkeit des Narrenbegriffs, auf die Brüche und Paradigmentwechsel.
Narren werden getrieben von der Zeit und von der Jagd nach dem Glück. Das Antriebselement, die Räder, widmen sich diesem Motiv, ohne als Räder tatsächlich zu taugen. Narren treiben in Ihrer Hast blind dem jähen Ende entgegen und sie sehen nicht die Kurzlebigkeit und Unzuverlässigkeit des Glücks.
Das Narrenschiff liegt nun gestrandet am Zunfthaus in der Blaumeerstraße, wo das Wasser verdrehterweise aus dem Schiff herausläuft und das Bächlein in der bildlich angelegten Blaumeerstraße speist.

Das gestrandete Narrenschiff aber, ein Bild des Unglücks und Untergangs, wird - ganz im Sinne der Hinführung von der Sünde zum Heil im Zusammenhang mit der Fasnacht im christlichen Weltbild - zum positiven Lebenssymbol des Brunnens, zum Bild einer aktiven, lebensbejahenden Gruppe in einem dynamischen Gemeinwesen.

Die Pflasterung:
Bei näherem betrachten der Pflasterung entlang der Blaumeerstraße fallen die verschiedenen Verlegetechniken, die Vielfalt der verwendeten Natursteine sowie die Sandsteinblöcke und -platten auf. Der Grundgedanke für diese Gestaltung ist auf den ersten Blick nicht für Jedermann erkennbar.
Beim genaueren Betrachten nach der folgenden Beschreibung erschließt sich jedoch die Gestaltung: In der Wasserrinne, den Sandsteinblöcken und -platten sowie in der Pflasterung findet sich die Blaumeerstraße mit der sie begrenzenden Bebauung wieder. Die Rinne stellt den Verlauf der Straße dar, die Aufweitung die Hoffläche beim Marienbrunnen. Die Sandsteine sind entsprechend der Bebauung angeordnet, jeder Sandstein stellt ein Haus dar, die Blöcke die markanten Gebäude wie Zunfthaus, ehem. Farrenstall, ehem. Schellenbergische Schloß und das alte Volksschulgebäude. Die abzweigenden Straßen wie Mittelgasse, Dekan-Metz-Straße, Mistegäßle und Kirchstraße finden sich ebenso wie die kleinen Gäßchen zum Grabenring.


Wieso Blaumeerstraße?
Interessant dürfte eine These zur Namensgebung der Blaumeerstraße sein, welche noch in früheren Jahrhunderten Wintergaß hieß. Im ersten Gebäudeversicherungsverzeichnis der Stadt Bräunlingen aus dem Jahr 1835 wurden die Gebäude mit Hausbezeichnungen versehen, in der Blaumeerstraße mit Bezug zum Meer, Wasser, Seegetier wie folgt bezeichnet:

Blaumeerstraße 1 Walfisch
Blaumeerstraße 2 Igelfisch
Blaumeerstraße 3 Haifisch
Blaumeerstraße 4 Meernadel
Blaumeerstraße 6 Lachs
Blaumeerstraße 7 Zitteraal
Blaumeerstraße 8 Hecht
Blaumeerstraße 9 Schildkret (-kröte)
Blaumeerstraße 10 Karpfen
Blaumeerstraße 11 Aal
Blaumeerstraße 13 Seehahn
Blaumeerstraße 15 Schwertfisch
Blaumeerstraße 17 Lebertran
Blaumeerstraße 19 Zauberfisch
Blaumeerstraße 21 Meerstern
Blaumeerstraße 23 Koralle
Blaumeerstraße 25 Auster


Die weiteren noch im Pflaster dargestellten Gebäude sind:

Kirchstraße 24 (Vereinshaus) Pfarrhof
Kirchstraße 29 Weihrauch
Kirchstraße 31 (Alte Schule) Rauchfass

(früher 3 Gebäude) Kerze und Messner,
ein Hinweis auf dem Weg zur früheren Stadtkirche,
der Kirche St. Remigius im Friedhof.
Dekan-Metz-Straße 10 Stampfe
Dekan-Metz-Straße 21 Presse,
ein Hinweis auf die frühere Bezeichnung als Ledergasse


Narrenzunft Eintracht Bräunlingen e.V.
Idee: Joachim Schweitzer
Texte: Bernhard Wintermantel, Joachim Schweitzer
Fotos: Willibald Neininger

Weitere Informationen auch unter www.narrenzunft-braeunlingen.de .

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